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wiki:taz_wer-einmal-luegt

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ? - Auszüge aus: taz.de : 35 Jahre Waldsterben Hysterie hilft (30. 3. 2015 - von: Bernhard Pötter)

  • Professoren warnten uns, dass der Wald bald sterben werde. Heute gibt es ihn immer noch. Alles Panikmache – oder die Geschichte einer Rettung?
  • „Die Reaktionen auf das Waldsterben haben die deutsche Umweltpolitik so nachhaltig geprägt wie keine andere Ökodebatte. Die Wohlstandsgesellschaft sah die Grenzen des Wachstums, vor denen der „Club of Rome zehn Jahre zuvor abstrakt gewarnt hatte, plötzlich beim Sonntagsspaziergang mit eigenen Augen vor sich.“
  • Heute ist der deutsche Wald lebendig. Das Waldsterben aber auch. Das ist nur eine der Öko-Absurditäten, mit denen wir seit der Hysterie wegen der kahlen Bäume zu leben gelernt haben. Seitdem stellen wir effizientere Produkte her und verbrauchen trotzdem mehr Strom; seitdem sind wir umweltbewusst wie nie und rotten trotzdem immer schneller Tiere und Pflanzen aus. Seitdem sind wir Weltmeister im Klimaschutz und sammeln gleichzeitig Bonusmeilen beim Fliegen. Und seitdem wissen wir, wie notwendig schnelle Antworten auf Umweltprobleme wie Klimawandel oder Artenschwund sind – handeln aber so, als hätten wir jede Menge Zeit.“
  • Damals herrschte übertriebene Panik. Heute irrationale Ruhe.“
  • Die Franzosen lachen über „Le Waldsterben“, der Rest der Welt über die „German Angst“.
  • Gleichzeitig geht es mit dem Waldsterben zum ersten Mal auch um die Globalisierung der Umweltprobleme. Noch 1972 hatte Schweden verzweifelt und erfolglos versucht, den „sauren Regen“ aus britischen und deutschen Kohlekraftwerken, der die schwedischen Wälder und Seen zerstörte, als Problem zu thematisieren. Was heute jedes Kind weiß, war damals neu: Umweltprobleme machen vor Grenzen nicht halt; Schadstoffe brauchen kein Visum.“
  • „Nur im Sozialismus gibt es offiziell keine Probleme. „Sterbende Wälder“ und „saurer Regen, das ist bei uns nicht so“, erklärt noch 1986 SED-Chef Erich Honecker, als im Erzgebirge schon die Baumleichen stehen. Wer in Westberlin lebt, kann sich in diesen Jahren wundern, dass im Westen der Stadt Smogalarm herrscht, während im Osten weiter Braunkohle verheizt wird und Zweitaktmotoren die Luft verpesten.“
  • „Die Experimentierfläche, auf der die Vergiftung der Atmosphäre nachgewiesen wurde, abseits der Städte und Industrieschlote, galt eigentlich als „Reinluftgebiet“. Und ausgerechnet die erste und bislang einzige grüne Bundeslandwirtschaftsministerin, Renate Künast, erklärt 2003 das Waldsterben für „überwunden“ – während noch ein Jahrzehnt später Forstwirte widersprechen. Dem Ökosystem Wald gehe es keineswegs besser als zu den Hochzeiten des Waldsterbens. Die Bäume verlieren heute wegen der Säurealtlasten im Boden genauso viele oder mehr Blätter und Nadeln als damals.
  • „Im September 2013, dreißig Jahre nach dem Höhepunkt der Waldsterbenpanik, begrüßt der Pressechef des UN-Klimarats IPCC etwa 50 Journalisten […] Mit tonloser Stimme berichtet […] der Schweizer Klimawissenschaftler Thomas Stocker der Welt von den Ergebnissen, die mehr als tausend Autoren über Jahre zusammengestellt haben: Erwärmung um mindestens 4 Grad Celsius, die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Ozeane versauern durch die Aufnahme von Kohlendioxid aus der Luft, feuchte Gebiete werden feuchter, Dürregebiete noch trockener.“
  • In allen realistischen Szenarien „werden wir die 2-Grad-Grenze überschreiten“, sagt Stocker.“
  • Einen Wissenschaftler gruselt es bei der Lektüre des Berichts: die Aussicht auf ein Freilandexperiment, das die biologischen und sozialen Grundlagen des Lebens auf der Erde bedroht.“
  • „An den Weltuntergang haben wir uns seit dem Waldsterben gewöhnt. Und wir haben damals ein Gegenmittel erfunden: das Vorsorgeprinzip. Wenn die Alarmsignale deutlich genug sind, besagt es, muss man handeln, auch bevor hundertprozentige Sicherheit besteht. Die Filteranlagen für die Kraftwerke und die Katalysatoren wurden verordnet, als der letzte Beweis noch nicht erbracht war. Statt zu einer „self-fulfilling“ wird der Waldsterben-Alarm zu einer „self-refuting prophecy“, schreibt Joachim Radkau, also zu einer Prophezeiung, die sich nicht selbst erfüllt, sondern sich selbst an ihrem Wahrwerden hindert: „Er gab den Anstoß zu Maßnahmen, die die Waldschäden verminderten.“
  • „Die Hysterie hat geholfen. Heute steht in Deutschland auf einem Drittel der Landesfläche Forst, so dicht wie seit Jahrhunderten nicht. 90 Milliarden Bäume. Aber weil die Katastrophe im Wald ausgeblieben ist, wüten Anti-Ökos immer wieder gern gegen die Warner von damals und heute. „Begrabt das Waldsterben!“, fordern Kritiker, die von einem „Medienmärchen“ sprechen, die FAZ lässt sich über die „Natur der Hysterie“ aus, und das „angebliche Waldsterben“ darf auf keiner Website von Leugnern des Klimawandels fehlen.“
  • „Der Waldboden ist so versauert, dass es dem Ökosystem Wald „heute schlechter geht als vor 30 Jahren“, sagt Klaus von Wilpert von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Die Bäume verlieren in den sauren Böden Nährstoffe, ihre Funktion als Wasserfilter leide. Dazu kommt der Stress durch den Klimawandel. Ein Alarm, den niemand so richtig hören will.“
  • Wie viel Schwarzmalerei ist gerechtfertigt, um vor einer drohenden Katastrophe zu warnen? In der Klimadebatte, in der sich „Alarmisten“ und „Klimaskeptiker“ gegenseitig vorwerfen, die Wissenschaft zu verraten, ist diese Frage so aktuell wie nie zuvor. Darf ein Forscher dick auftragen, wenn er eine Gefahr sieht? Muss er das sogar? Oder soll er seine Daten für sich sprechen lassen?“
  • Wer begriffen hat, dass wir nur ein paar Jahrzehnte haben, um die globale Energieversorgung, die Produktion von Gütern, unsere Mobilität und Landwirtschaft umzukrempeln, für den ist Zurückhaltung keine Option.
  • Wer sich angesichts des Klimawandels entspannt zurücklehnt, hat oft nicht alle Daten im Schrank.
  • Wer sich dagegen nur ansatzweise in die Materie versenkt, dem tritt schnell der Schweiß auf die Stirn.
wiki/taz_wer-einmal-luegt.txt · Zuletzt geändert: 2016/07/03 22:36 von tinaeule